Salziger Kaffee

Unerzählte Geschichten jüdischer Frauen

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Zusammengestellt und bearbeitet von Katalin Pécsi

Übersetzt von Krisztina Kovács

Ebook Ausgabe: Vereinigung EszterHáz, 2015

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Angebot, Gedruckten Ausgabe: Gedenkstätte Dt. Widerstand, Budapest–Berlin, 2010

Andere Sprachen:
Englisch Ungarisch

Inhalt

  • Katalin Pécsi – Weibliche Erfahrung, weibliche Stimme Vorwort zur deutschen Ausgabe
  • Irene Reti – Die Spitzendeckchen
  • Ibolya Scheer – «Tsdoke tatsl mimoves» oder «Wohltätigkeit rettet vor dem Tod»
  • Ibolya Scheer – Chanukka-Kerzen im Fenster
  • Ibolya Scheer – Die sechzehnte Gefangene
  • Judit Fenákel – Du sollst nicht stehlen!
  • Magda Sommer – Stationen
  • Edit Kemény – Der «gute Pfeilkreuzler»
  • Márta Kaiser – Aus dem Kaffeehaus Hadik in die Goldberger Fabrik
  • Éva Rácz – Als ich 12 war…
  • Magda Kun – Wege der Menschlichkeit
  • Zsuzsa Gábor – Romeo 1944
  • Olga Sólyom – Russische Kohlsuppe
  • Judit Patak – «Das Leben ist schön, soll ich es Dir erklären?»
  • Júlia Gonda – Ein unbrauchbares Kind im Lager
  • Anna Lázár – Ein doppeltes Partisanenmärchen
  • Judy Weiszenberg Cohen – Ein unvergessliches Kol Nidre
  • Vera Szöllős – Wir haben es überlebt
  • Anna Kun – Die Heimkehr
  • Anna Szász – Variationen auf einen Vater
  • Vera Meisels – Salziger Kaffee
  • Miriam Ben-David – Ein bizarrer Traum
  • Anna Aczél – Der gefundene Brief
  • Mária Herczog – Die zwei Annas
  • Klári László – Auf der Fußbank sitzend
  • Júlia Vajda – Auf uns allein gestellt
  • Zsófia Bán – Küste, leer
  • Nicole Katz – Konvergenz
  • Katalin Katz – Mein erster Bewunderer
  • Anna Salát – Alija
  • Júlia Lángh – Ein feiner, vornehmer Antisemitismus
  • Anna Valachi – Das Bekenntnis einer «Seelenjüdin»
  • Zsuzsa Tamás – Bin ich eine Jüdin?
  • Anna Szász – Was bedeutet es, Jude zu sein?
  • Katalin G. Kállay – Nachwort – Unerzählte Geschichten jüdischer Frauen
  • Anhang I – III

Vorwort

Die Frau fehlt schmerzlich in der ungarisch-jüdischen Literatur. Wenn jüdische Frauen doch schreiben, fehlt es ihren Werken an der Deskription und Analyse ihres Bezugs zum Judentum. Über den Holocaust konnte man bisher ebenfalls fast nur aus männlicher Perspektive lesen. Oral-History-ForscherInnen des Holocaust wissen jedoch, dass Frauen anders erzählen und sich anders erinnern. In ihren Memoiren kommt ein anderer Standpunkt, eine andere Stimme, zur Geltung als in jenen der Männer. Das macht unser Wissen über den Holocaust, das nie umfassend sein kann, nur reicher und vollständiger. Trotzdem sind die Geschichten der Mütter, der Großmütter, ihre Werke über die Suche nach Wegen, über die Identitätskrisen der Überlebenden, und die Schriften der Kinder des Holocaust, das heißt der zweiten Generation der Überlebenden, in Ungarn nicht präsent.

Um dieses Defizit, soweit dies möglich ist, zu mindern, starteten wir – meine jüdische Frauengruppe und ich – ein unmöglich anmutendes Unternehmen und begannen, bis jetzt «nicht erzählte Frauengeschichten» zu sammeln. Wir wollten nicht nur etwas über den Holocaust, wir wollten subjektive Geschichten lesen, die auf persönlichen Erlebnissen basieren und Details über unterschiedlichste Aspekte des jüdischen Lebens (Kindheit, Schule, Liebe, Ehe, Exil, Alija, «heimliches» Judentum, Assimilation, Wiederaufleben des Judentums nach der Wende usw.) herausstellen. Es sieht so aus, als wären wir auf etwas gestoßen, das schon längst reif war. Vielleicht haben wir dem Fluss auch nur eine Schleuse geöffnet. Die Geschichten begannen zu strömen, und es kamen viele Texte zustande. Bevor der Band erschien, fanden fünf Lesungen vor vollem Haus statt. Dann, 2007, als das Buch auf Ungarisch und Englisch vorlag, führten wir vier ungarischsprachige und zwei englischsprachige Präsentationen in verschiedenen Kaffeehäusern und Galerien in Budapest durch. Auch bei diesen Veranstaltungen war das Interesse jedes Mal sehr groß. All das, obwohl EszterHáz, unsere jüdische Frauengruppe, eine kleine Organisation ist und wir die Werbung für unsere Veranstaltungen statt auf umfangreiche PR-Arbeit nur auf persönliche Kontakte und private E-Mails aufbauen konnten. Wir rollten einen Schneeball und er wuchs zu einer Lawine an.

Unter denen, die sich erinnern, die erzählen, gab es sowohl professionelle Schriftstellerinnen als auch «Laien», unter den Autorinnen waren drei Generationen vertreten.

Dass die meisten Geschichten Holocaust-Erinnerungen wachrufen, ist offenbar kein Zufall: In Ungarn ist es uns seit 65 Jahren nicht gelungen, das Trauma des Holocaust zu verarbeiten, indem öffentlich darüber gesprochen wird.

Es ist jedoch sehr schwer, über die Shoah zu schreiben, weil «Auschwitz» ein außerirdischer Ort ist. Er bestimmt die Grenzen der Menschheit und droht gleichzeitig mit ihrer Vernichtung.

Viele, die den Holocaust überlebten, empfinden es als inneres Gebot, darüber Zeugnis abzulegen: «Wenn auch ein anderer für mich meine Geschichte hätte schreiben können, dann hätte ich es nicht tun müssen», schreibt Elie Wiesel. «Ich habe sie geschrieben, damit ich durch sie Zeugnis ablege.» «Ihre Erinnerungen teilt die Memoirenautorin mit dem unbekannten Leser, weil sie so singuläre Momente erlebte, die man nicht vergessen darf und über die sie vor der Öffentlichkeit Zeugnis ablegen muss. Infolge dieser ihrer Verpflichtung erzählte die Zeugin nicht nur, was ihr passiert ist, sondern sie übernimmt auch Verantwortung der Geschichte und der Wahrheit gegenüber.»

Über den Holocaust hörten wir lange Zeit nur aus der Sicht der Männer, mit ihrer Stimme erzählt. (Natürlich sind die meisten Autoren geschichtswissenschaftlicher Werke auch Männer). Saul Friedländer formulierte vor einigen Jahren, dass das «Meisternarrativ», das sich aus den vielen erzählten Holocaust-Geschichten entwickelt hat, bis jetzt den Standpunkt von Männern wiedergebe: Ihre Erfahrung und ihre Erinnerung wurden die «Norm». (Selbst das Erinnern gilt traditionell als ein Privileg der Männer: Im jüdischen Patriarchat existiert nur die Erinnerung des Mannes – da es sich um eine Gemeinschaft der Männer handelt, sind sie es, die sich erinnern und an die man sich erinnert. Das bestätigt selbst die Etymologie: Die Bezeichnung des jüdischen Mannes heißt auf Hebräisch der Sich Erinnernde – Zakhar. Im Gegensatz dazu steht die Bedeutung von weiblich Nekeva, das heißt das Loch, das nicht in der Lage ist, die Erinnerung zu behalten.) Lange tauchte der Gedanke überhaupt nicht auf, dass Frauen über das allgemein menschliche Leiden hinaus auch über spezielle Erfahrungen Zeugnis ablegen könnten.

Die Genderisierung der Holocaust-Erfahrung und des Holocaust-Narrativs hätte vor einigen Jahren noch bei vielen Menschen heftige Reak­tionen ausgelöst. Man glaubte, aus dieser Problemstellung herauszuhören, dass die GenderforscherInnen nahe legen wollen, die Frauen hätten womöglich mehr gelitten – und sich vielleicht sogar besser benommen. Darum geht es aber überhaupt nicht. Die genderbasierte Forschung hat nicht das Ziel, kleinlich abzumessen, wer mehr gelitten hat – die Mutter, die ihr Kind verlor, oder der Vater. Auch nicht jenes, die Opfer zu «teilen», wenn sie die Erfahrungen und Erinnerungen von Männern und von Frauen getrennt betrachtet.

Heute sehen wir auch «die Gruppe» selbst schon differenzierter und wissen genau, dass es nicht nur die Kategorien «Mann» und «Frau» gibt, sondern dass die Kategorie «Jude» an sich schon nicht homogen ist: Man kann über gläubige und säkularisierte, über zionistische und assimilierte Juden, über Juden auf dem Land und in der Stadt, über Sepharden und Asch­kenasen, über reich und arm usw. reden – da alle diese kleineren Gruppen oder Kategorien verschiedene Lebenserfahrungen und Lebensformen bedingen. In den letzten Jahrzehnten erschienen in den Gesellschaftswissenschaften immer mehr Bücher, die uns auf die ausdrücklichen und spezifischen Erfahrungen von Frauen und Männern aufmerksam machen. Forschungen, die auf die biologischen, gesellschaftlichen und kulturellen Spezifika der Frau fokussieren, haben auch die Holocaust-Forschung befruchtet, weil sie ein «neues Licht» auf das Thema warfen. Nichts zeigt besser, dass die Frauenperspektive und die «Stimme» der Frau ein neuarti­ges Erlebnis schaffen können, als das erste «weibliche» Zeugnis des Holocaust, das Tagebuch der Anne Frank, das später zum Bestseller wurde. Anne Frank kann eben deshalb schon für zwei Generationen, die nach dem Holocaust geboren sind, nicht langweilig sein, weil die Autorin des Tagebuches anders erzählt, als wir es von Männern gewöhnt sind, die sonst «das allgemein Menschliche» verkörpern.

Durch die Werke von Frauen wurden zahlreiche Themen aufgegriffen, die bis jetzt nicht zum Kanon der Literatur gehörten: Neben den Themen des körperlichen und seelischen Ausgeliefertseins, der Angst vor Gewalt entstanden auch die Narrative des Zusammenhalts und der Freundschaft zwischen Frauen.

Die Frauen, die überlebten, schwiegen zumeist ihr ganzes Leben lang: Sie schwiegen über die Demütigungen, über die Vergewaltigung, über die Zwangsprostitution. Es gibt Erlebnisse, über die es kaum – oder gar keine – erzählbaren Geschichten gibt: Diese Traumata lassen sich kulturell nicht darstellen! Die Vergewaltigung passierte höchstens anderen Frauen, aber fast in jeder Rückerinnerung erscheint die Angst vor Männergewalt – vor SS-Männern, vor dem «Mädchentransport», der an die russische Front geschickt wurde, vor Soldaten der Befreierarmee. Während des Krieges wurden Tausende von Frauen vergewaltigt, aber niemand redet über sie. «Die Anne Franks, die die Gewalt überlebten, schreiben ihre Geschichte nicht auf …», schreibt Judith Magyar Isaacson, eine ungarische Überlebende, in ihren schon in den USA aufgezeichneten Memoiren.

Über die Thematisierung (oder eben das Verschweigen) bestimmter ­Ereignisse der besonderen Holocaust-Erfahrungen von Frauen hinaus ­entwickelte sich im Frauennarrativ auch eine eigene weibliche Ausdrucksweise. Das Spezifische im Frauennarrativ des Holocaust aber ist der Frauen­charakter. Im Männerkanon sind Frauen hilflose Opfer oder die emblematischen Überreste der alten jüdischen Welt. In den von Frauen ver­fassten Holocaust-Schriften aber werden diese Frauen zu Hauptfiguren, verfügen über einen Charakter mit festen Konturen: Sie nehmen ihr Schicksal in die Hand, antworten auf die Unterdrückung, widerstehen, kämpfen.

Die Mehrheit der Geschichten beschäftigt sich mit dem Holocaust, doch unter den Verfasserinnen gibt es auch Jüngere, Vertreterinnen der Generation, die jetzt in ihren Dreißigern oder Vierzigern ist. In ihren Geschichten geht es um etwas anderes: vor allem darum, was die Traumata ihrer Mütter und Großmütter für sie bedeuten. Dieser innere Kampf ist auch charakteristisch für die nichtjüdischen Autorinnen des Buches, die ähnlich wie die jüdischen Verfasserinnen am meisten unter dem Verschweigen der Vergangenheit leiden.

In einem Satz zusammengefasst könnte ich sagen: «Salziger Kaffee» gewährt Einblick in das jüdische Frauenschicksal des 20. Jahrhunderts.

Ich möchte mich bei drei meiner Freundinnen für ihre liebe Aufnahme der «unerzählten Geschichten» in Berlin herzlichst bedanken. Den Anstoß zur Veröffentlichung von «Salziger Kaffee» in Deutschland gaben Lara Dämmig und Karen Margolis. Wir kennen uns schon seit Jahren von den Konferenzen der in Berlin gegründeten jüdischen Frauenorganisation Bet Debora. Ihre Vorsitzende, Lara, lud mich im Herbst 2008 nach Berlin ein, um dort bei der Bet Debora-Tagung über unser Buch und über das Spezifische der jüdischen Frauenstimme zu sprechen. Karen, die in Berlin lebende Schriftstellerin und gute Freundin, war nicht nur eine ausgezeichnete Moderatorin, sondern machte mich auch mit ihren Freunden und Freundinnen bekannt, die an diesem Abend teilnahmen: So lernte ich die Politikwissenschaftlerin Ute Stiepani, Stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, kennen. Auf ihre Einladung hin fand in der Gedenkstätte ein Jahr später eine weitere Veranstaltung zu den Holocaust-Erzählungen ungarischer Frauen statt. Karen übernahm wieder den Hauptanteil der Konzeption und Organisation. Während bei den Buchpräsentationen in Budapest die Überlebenden selbst ihre Erzählungen vorlasen, wurde Karen in Berlin die zutiefst authentische «englische Stimme» ihrer Geschichten: Karen’s Leidenschaftlichkeit und ihr lieber Humor trugen maßgeblich zu unserem Erfolg bei. Es ist der Entschlossenheit und Ausdauer von Ute Stiepani zu verdanken, dass sie 2009 nicht nur eine zweiteilige Vortragsreihe zum Thema in Berlin und Budapest organisierte, sondern auch den Weg für dieses Buch unermüdlich ebnete. Ich möchte ihr und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand meinen Dank aussprechen, das Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe von «Salziger Kaffee» ermöglicht und finanziell gefördert zu haben. Dem Internationalen Auschwitz Komitee danke ich für die vielfältige Unterstützung dieses Projekts. Mein Dank gilt ebenso Andreas Korpás für seine Mitarbeit an der Übersetzung und für die gründliche Durchsicht des Manuskripts. Zum Schluss möchte ich mich sehr herzlich bei unserer Übersetzerin Krisztina Kovács für ihre sorgfältige Arbeit und ihr großes persönliches Engagement bedanken, ohne die kein guter Text zustande kommen kann.

Der größte Schatz, der mir durch die Arbeit an diesem Buch, die Sammlung und Veröffentlichung der unerzählten Geschichten, zuteil wurde, sind die neuen zwischenmenschlichen Beziehungen, die während dieser Arbeit entstanden. Mit den AutorInnen und freiwilligen LektorInnen, ÜbersetzerInnen, ModeratorInnen der Buchpräsentationen, ForscherInnen und mit dem Verleger knüpften sich im Laufe der Jahre intensive, durch viele Fäden verbundene Freundschaften. Dafür gibt es nur eine einzige Erklärung: die nun endlich erzählten Geschichten von Frauen sind ein festes Band, das uns verbindet.

Katalin Pécsi

Was andere sagen

Warum gibt es «die Frau» in der ungarisch-jüdischen Literatur nicht? Warum fehlen in den Werken ungarisch-jüdischer Autorinnen die jüdischen Aspekte, die Beschreibung ihres Verhältnisses zu ihrem Judentum und ihre Auseinandersetzung damit? Wir fingen an, nach subjektiven Darstellungen zu suchen, nach Geschichten aus dem realen Leben, die auf persönlichen Erfahrungen von Frauen basieren und einfühlsam über alle möglichen Aspekte ihres jüdischen Lebens erzählen: Kindheit, Schule, Liebe, Heirat, Emigration, Alija, Widerstand, Untertauchen, Assimilierung und das Wiederaufleben des Judentums nach der Wende 1989. Es scheint so, als wären wir auf etwas gestoßen, das schon längst reif war. Wir mussten nur eine Schleuse öffnen, und schon strömten die persönlichen Lebensgeschichten. Dass sie bis jetzt unerzählt blieben, ist kein Zufall. Denn es ist sehr schwer, über ein Trauma zu sprechen.

Katalin Pécsi

Die Holocaustgeschichten von Frauen sind anders als die der Männer. Wir lebten in ständiger Angst, vergewaltigt zu werden, und wir hingen so sehr an unseren Familien, dass wir manchmal erstaunlich heroische Taten vollbrachten. Sie endeten oft am Krematorium. Aber die wenigen Überlebenden stärkte die Erfahrung. Mögen auch Ihnen diese außergewöhnlichen Geschichten Kraft geben!

Judith Magyar Isaacson, Autorin von «Seed of Sarah. Memoirs of a Survivor

Weltliteratur ist Männerliteratur – Frauen bilden dabei eine wertvolle Ausnahme – es ist kein Wunder, dass das Leben von Frauen durch «das Unerzählte» fast erstickt wurde. Im Falle jüdischer Leben(sgeschichten) haben wir es über das «Nichterzählen» hinaus noch ganz konkret mit dem Syndrom der Unerzählbarkeit als Folge des Holocausttraumas zu tun. Dieser Problemkreis wurde in Ungarn erst Ende der Siebziger - Anfang der Achtzigerjahre zum Gegenstand psychologischer Untersuchungen

Viktória Radics

Students